AHMED 

33, Russland/Österreich

 

WIGEZ?? 

Popp, popp ... Am Smartphone erscheint eine neue WhatsApp Nachricht von Ahmed. „Wigez?“, fragt er Brigitte. Immer dann, wenn eine dieser „verschlüsselten“ Botschaften von Ahmed am Display erscheinen, muss Brigitte schmunzeln. Sie notiert den Begriff und spätestens beim nächsten Treffen schreibt Ahmed einen neuen Ausdruck in sein Heft: „Hallo! Wie geht’s?“ Ahmed und Brigitte kennen sich seit dem ersten Tag in Wartberg an der Krems/Oberösterreich. Längst ist zwischen den Familien eine Freundschaft entstanden. Längst sind Ahmed und seine Frau Kare keine Fremden mehr.

Vorher, nachher

Ahmed stammt aus Russland. Er ist nie zur Schule gegangen. Lesen und Schreiben sind ihm fremd. Ahmed hat in seinem Leben schon schwer gearbeitet: Mit Tieren, mit Holz, im Wald. Von fünf Uhr morgens bis Mitternacht. „Sehr modern, neunzig Prozent moderner“, meint der 33-jährige, wenn er darüber erzählt, als er das erste Mal in Österreich mit einer Motorsäge im Wald gearbeitet hat. Bei Gerhard, dem Gemeindearzt. Auch er, ein neuer Freund.  

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Großes Kino

Zwei Uhr morgens, das Telefon klingelt. Zehn Minuten später ist Ahmed bei der Türe draußen und überquert die Straße. Den Schlüssel zu Christians Wohnung hat er immer dabei. Christian leidet an einer schweren Krankheit und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Und Ahmed hilft. Immer. „Manchmal hat Christian Angst ... alleine.“ Und manchmal ist es für Christian besser zu sitzen, als zu liegen. „Besser für den Kopf“, sagt Ahmed und stellt Nougatschnitten auf den Tisch in der Gaststube. 

Den Kopf ausschalten und die Freiheit genießen kann Ahmed im Kino. Vor ein paar Monaten war er zum ersten Mal überhaupt in einem dieser Säle mit großer Leinwand. In Kirchdorf an der Krems. Die rot gepolsterten Sitze haben Eindruck hinterlassen. An den Film kann er sich nicht mehr erinnern.

Es ist spät geworden an diesem Abend. Ahmed lächelt zum Abschied. Seine blauen Augen lächeln mit. „Hinterstoder war schön“, erinnert er sich an seinen ersten Ausflug. Und am Attersee hat er Urlaub gemacht. „Schwimmen?“ Nein, schwimmen kann er nicht. Er hält sich lieber über Wasser. In jeder Beziehung. 

 

In Russland waren Axt und Hake Ahmeds Standardwerkzeuge. Nicht zu arbeiten, wäre für den robusten Mann undenkbar. Er selbst nennt es „schwere Prüfung“. 

Ahmeds Augen lächeln und sein Ausdruck wird sanft, als seine beiden Kinder Amad und Diana auf die Holzbank neben ihn klettern.  Ahmed ist ein stolzer Vater. Die siebenjährige Diana besucht die erste Klasse Volksschule und ist eine eifrige Schülerin. Immer öfter sieht das quirlige Mädchen ihren Vater fragend an, wenn er mit ihr Russisch spricht. „Papa, was ist das?“ Aber auch Ahmeds WhatsApp Nachrichten werden mit jedem Tag fehlerfreier. „Gehen wir morgen in den Wald?“ Ein Fingerdruck und Gerhard ist informiert.