Gholam-01


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GHOLAM

54, Afghanistan/Österreich

Tzzz, Tz, Tzzz ... Zunge an die Vorderzähne und zischen. Das kann doch nicht so schwer sein. Tz, Tz, Tzzz ... Wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag sitzt Gholam an dem kleinen runden Holztisch in seiner Küche. 

Eifrig und akribisch studiert der 54-jährige jeden einzelnen Buchstaben der deutschen Sprache. Alphabetisierung nennt man das korrekt und ganz korrekt versucht Gholam jene Wörter über die Lippen zu bekommen, die ihn Stück für Stück weiterbringen. Voran, in sein neues Leben. Nur dieses Zett will ihm nicht so recht gelingen. Auch mit dem Wort Knie hat er noch seine Schwierigkeiten. Diese seltsame Aneinanderreihung von Buchstaben treiben dem gestandenen Mann Schweißperlen auf die Stirn. Sein verschmitztes Lächeln bleibt.

Mit einem lauten und beherzten „Grüß Gott“, ruft Gholam seinen neuen Freund Fritz ins Haus. Der Österreicher kommt mehrmals die Woche vorbei, wie auch diesen Vormittag. Das „Grüß Gott“ irritiert selbst Fritz immer noch.

 

So weit, so nah

Gholam stammt aus Afghanistan. Heute lebt er in Linz Leonding. Wie auch der Rest seiner Familie. In einem Haus mit fünf weiteren, zuerst fremden Personen. Mittlerweile haben sie sich angefreundet, sind glücklich und haben hier ihr vorläufiges neues Zuhause gefunden. . In Afghanistan hat Gholam als Driver, im Iran als Bäcker gearbeitet. Dort, im Iran konnte er mehr für seine Familie verdienen. „Taxi“ fällt ihm dazu ein, wenn er heute nach seinem Beruf gefragt wird.

Seine Kinder haben die deutsche Sprache beinahe spielend gelernt. Die Vermittlung von Lese- und Schreibfähigkeit ist in dem Alter deutlich einfacher. Der Familienvater ist stolz auf sein Trio:  Afsane, das 12-jährige Mädchen und die beiden Buben Eshan und Josef, 10 und 4 Jahre alt. Für sie wünscht er sich nichts mehr, als eine glückliche und friedliche Zukunft. Sie sollen ohne Gefahr und Angst auf die Straße treten können. Seinen 15-jährigen Sohn musste er schweren Herzens vorläufig bei den Großeltern zurücklassen, weil die Reisekosten nicht leistbar waren. Er hofft aber einen Weg zu finden, dass er nachkommen kann. Im Haus duftet es nach frischem Kaffee, den Gholam gerade zubereitet.

 „Kaffa?“

Gastfreundlichkeit wird großgeschrieben. Kaffa nennt Gholam liebevoll jenes Getränk, das die Österreicher als Kaffee kennen. Was Gholam jedoch aufgebrüht, verleitet beinahe dazu – bei allem Respekt – es Gesöff zu nennen. Superstark, supersüß, nahezu untrinkbar. Gholam schmeckt’s. Zahra, seine Frau, musste heute zum Zahnarzt. Dieses Wort, ein Zungenbrecher für Gholam.

In den letzten fünf Monaten in Linz Leonding hat sich für die Familie vieles verändert. „Gut, sehr gut. Gute people“ antwortet der Weißhaarige kurz und bündig auf die Frage, wie es ihm hier gefällt.

Am Ende des Vormittags streicht er sich die Falten vom gelben Pullover und fordert Fritz auf, ein Foto zu machen. Gholam liebt Fotos und er liebt Erinnerungen. Und auch darin zu schwelgen? Nein, dafür hat er im Moment keine Zeit. Sein Blick ist nach vorne gerichtet und für einen Moment vor allem auf die Bushaltestelle. „Zahra, Tzzz, Tzzzanarzzzt“. Klappt doch. 

Ameen-02


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AMEEN 

25, Irak/Österreich

Falafel für alle

Gut sieht er aus. Die Farbe seines Pullovers hat Ameen auch heute wieder perfekt ausgesucht. So kommen seine dunklen Haare erst richtig zur Geltung. Die blaue Hose, dazu braune Schuhe – man sieht auf den ersten Blick, Ameen hat Geschmack.

Nicht nur was Mode betrifft. Falafel, Hühnersuppe mit Zitrone oder Huhn mit Reis und Gewürzen hat Ameen bereits gekocht. Für Freunde, Veranstaltungen, zu Silvester und für seinen Nachbarn – ein älterer Herr, mit dem er sich angefreundet hat. Auch im Fernsehen konnte man Ameen beim Kochen zusehen. Wenn er „lecker“ sagt, leuchten seine Augen und man sieht, er genießt sein neues Leben.

Home is where the heart is

Der 25-jährige Ameen stammt aus dem Irak. Sein Weg hat ihn nach Linz geführt, wo er nun hofft, bleiben zu können. Auch wenn seine eigentliche Destination Hamburg war, wo seine Schwester seit fünf Jahren lebt. Sein Modegeschäft im Irak lief richtig gut. Ameen reiste regelmäßig nach Italien und in die Türkei, um dort Mode einzukaufen. Seit einigen Monaten trifft man ihn jedoch regelmäßig bei der Volkshilfe in Linz.  

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Freunde wie Patrik sind zu seiner Familie geworden. Und wenn Ameen über sein Leben und seine Zukunft spricht, dann schafft er das inzwischen in einem nahezu fließendem Deutsch. Von den 75.000 Wörtern der deutschen Standardsprache, fallen ihm mindestens 20.000 ganz schön flott ein. Um jedoch die Erlebnisse und Überlebnisse im Irak zu beschreiben, fehlen ihm immer noch Worte und Atem. „Ich denke viel an Zuhause. Ehrlich gesagt, ich weiß oft nicht, wie das so weitergehen soll. Ich kann nachts kaum schlafen. Mit unserer Welt stimmt doch irgendwas nicht.“

In den letzten Monaten in Österreich hat Ameen bereits viele Traditionen und Bräuche kennengelernt. Er ist dem Krampus begegnet, hat Weihnachten wie Fasching erlebt. Bis Ameen im Juli seinen 26. Geburtstag feiert, hat er noch einiges vor. „Pass, Wohnung, Zara“, antwortet er. Entschlossen, in Linz sein weiteres Leben step by step aufzubauen. Und mit Zara meint Ameen jene Modekette, die mit ihren Geschäften auch in Linz vertreten ist. Dress for success. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Auch Geburtstagspläne gibt es bereits. „Vespa fahren“. Den Helm dafür haben Patrik und Ameen vor kurzem gekauft. Dem Ausflug zu Patriks Eltern in die Steiermark steht also nichts mehr im Weg. Bahn frei. Buschenschank-Abstecher inklusive. 

 

Dort steht er hinter der Kassa. Ehrenamtlich oder freiwillig, würde man bei uns wohl sagen. Ameen ist ein geselliger Mensch und kann heute endlich das machen, was für viele junge Menschen in Österreich nichts Außergewöhnliches ist.

Er trifft sich mit seinem Kumpel und Wegbegleiter Patrik im Kino, trinkt schon mal ganz gerne ein Bier und hört Musik. So laut er will und wann er will. „Freiheit“ nennt Ameen seinen neuen Lifestyle. Und das ist ein gutes Gefühl. 

Madina-02


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Madina

29, Tschetschenien/Österreich

Bitte warten

„Suppe?“ Ihre Augen funkeln keck, als sie diese Frage stellt. Die Antwort kommt für Madina nicht schnell genug. „Suppe?“ wiederholt sie klar und hat dabei längst den Teller in der rechten Hand. Mit der anderen hantiert sie rasch noch an der Dunstabzugshaube über dem großen Gastroherd. Auf der Nebenplatte brodelt es im Topf, die Küche füllt sich mit hungrigen Bewohnern, angelockt vom verführerischen Essensduft, der sich durch das Haus zieht.

Noch vor eineinhalb Jahren hätte sich Madina nicht sagen lassen, dass sie eines Tages in einer kleinen Marktgemeinde mitten in Oberösterreich leben würde. Leben und Suppe kochen. Denn Kochen war so gar nicht ihre Leidenschaft. Lieber steckte sie ihre Nase in Bücher, als in fremde Kochtöpfe. Heute ist alles anders. Eine weiße, moderne Küchenmaschine steht auf dem kleinen Beistelltisch vor dem Fenster. Ein Geschenk ihrer neuen Freundin Anke. Zu Madinas dreißigstem Geburtstag. Inklusive Rühraufsätzen und Fleischwolf. Wenn Madina davon erzählt, dann tut sie das wieder mit diesem kecken Funkeln in den Augen. „Kuchen backen“ deutet sie mit dem Kopf auf die Maschine und stellt rasch einem ihrer Mitbewohner einen Teller Reis mit Huhn vor seinen knurrenden Magen. „Guten Appetit“.

3.000 Kilometer

Madina stammt aus Tschetschenien. In der Nacht, als sie in Wartberg mit ihren drei Kindern ankam, regnete es in Strömen. Madina, Chamsat, Ramina und Muchammad waren eine der letzten, die aus dem Bus stiegen. In Tschetschenien liebte die dreifache Mutter ihren Beruf als Russischlehrerin an einer Mittelschule. Ihr Mann, studierter Anwalt, war lange schon in Russland, wo er als Baumeister Arbeit gefunden hatte. Ein Jurist als Baumeister? Klingt komisch, ist es auch. Doch für Madina ist diese Situation „normal“. Kaum jemand hat in ihrem Heimatland in seinem erlernten Beruf gearbeitet. Gemacht wurde, was sich gerade anbot. Madina kichert leise, als sie davon erzählt. Die ungläubigen Gesichter ist sie längst gewohnt. Eine große, blonde Frau sieht bei der Küchentüre des einstigen Gasthauses herein und hat Bärlauch in der Hand. „Wie Knoblauch“ versucht sie Madina zu erklären. Doch Madina hat längst verstanden.

 

 

Bitte warten

Zwei unliebsame Wörter, die Madina ordentlich zusetzen. Denn auch Warten gehört nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Warten auf eine neue Beschäftigung. Die vielen Leute um sie herum lenken Madina ab. Durch ihre Kinder „ist Warten nicht so schlimm“. Und während ihr Jüngster, der zweieinhalbjährige Muchammad auf ihr herumturnt, erzählt sie über ihre Pläne. „Unterrichten“ sagt sie klipp und klar. Und auch Anke ist zuversichtlich, dass Madina in einem der umliegenden Gymnasien – in Schlierbach oder Kremsmünster – einmal Arbeit finden wird.

Ramina, die fast 7-jährige Tochter, drückt die Schulbank gemeinsam mit Ankes Sohn Lasse. Und die beiden haben auch schon gemeinsame Pläne für den Sommer. Dann geht es ab in den Swimmingpool bei Anke zu Hause. Die Einladung dafür ist schon längst ausgesprochen.

 

Auf Wiedersehen

„A dika yöila“ verabschiedet sich Madina an diesem frühen Nachmittag. „Auf Wiedersehen“. Ihr Sohn Chamsat ist gerade von der Schule zurück. Der Dunstabzug geht an, den Teller mit dampfender Suppe hält Madina schon in der Hand. „ja´a“. Essen. Das Warten hat zumindest für heute ein Ende.

Ahmed-02


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AHMED 

33, Russland/Österreich

 

WIGEZ?? 

Popp, popp ... Am Smartphone erscheint eine neue WhatsApp Nachricht von Ahmed. „Wigez?“, fragt er Brigitte. Immer dann, wenn eine dieser „verschlüsselten“ Botschaften von Ahmed am Display erscheinen, muss Brigitte schmunzeln. Sie notiert den Begriff und spätestens beim nächsten Treffen schreibt Ahmed einen neuen Ausdruck in sein Heft: „Hallo! Wie geht’s?“ Ahmed und Brigitte kennen sich seit dem ersten Tag in Wartberg an der Krems/Oberösterreich. Längst ist zwischen den Familien eine Freundschaft entstanden. Längst sind Ahmed und seine Frau Kare keine Fremden mehr.

Vorher, nachher

Ahmed stammt aus Russland. Er ist nie zur Schule gegangen. Lesen und Schreiben sind ihm fremd. Ahmed hat in seinem Leben schon schwer gearbeitet: Mit Tieren, mit Holz, im Wald. Von fünf Uhr morgens bis Mitternacht. „Sehr modern, neunzig Prozent moderner“, meint der 33-jährige, wenn er darüber erzählt, als er das erste Mal in Österreich mit einer Motorsäge im Wald gearbeitet hat. Bei Gerhard, dem Gemeindearzt. Auch er, ein neuer Freund.  

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Großes Kino

Zwei Uhr morgens, das Telefon klingelt. Zehn Minuten später ist Ahmed bei der Türe draußen und überquert die Straße. Den Schlüssel zu Christians Wohnung hat er immer dabei. Christian leidet an einer schweren Krankheit und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Und Ahmed hilft. Immer. „Manchmal hat Christian Angst ... alleine.“ Und manchmal ist es für Christian besser zu sitzen, als zu liegen. „Besser für den Kopf“, sagt Ahmed und stellt Nougatschnitten auf den Tisch in der Gaststube. 

Den Kopf ausschalten und die Freiheit genießen kann Ahmed im Kino. Vor ein paar Monaten war er zum ersten Mal überhaupt in einem dieser Säle mit großer Leinwand. In Kirchdorf an der Krems. Die rot gepolsterten Sitze haben Eindruck hinterlassen. An den Film kann er sich nicht mehr erinnern.

Es ist spät geworden an diesem Abend. Ahmed lächelt zum Abschied. Seine blauen Augen lächeln mit. „Hinterstoder war schön“, erinnert er sich an seinen ersten Ausflug. Und am Attersee hat er Urlaub gemacht. „Schwimmen?“ Nein, schwimmen kann er nicht. Er hält sich lieber über Wasser. In jeder Beziehung. 

 

In Russland waren Axt und Hake Ahmeds Standardwerkzeuge. Nicht zu arbeiten, wäre für den robusten Mann undenkbar. Er selbst nennt es „schwere Prüfung“. 

Ahmeds Augen lächeln und sein Ausdruck wird sanft, als seine beiden Kinder Amad und Diana auf die Holzbank neben ihn klettern.  Ahmed ist ein stolzer Vater. Die siebenjährige Diana besucht die erste Klasse Volksschule und ist eine eifrige Schülerin. Immer öfter sieht das quirlige Mädchen ihren Vater fragend an, wenn er mit ihr Russisch spricht. „Papa, was ist das?“ Aber auch Ahmeds WhatsApp Nachrichten werden mit jedem Tag fehlerfreier. „Gehen wir morgen in den Wald?“ Ein Fingerdruck und Gerhard ist informiert.