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Madina

29, Tschetschenien/Österreich

Bitte warten

„Suppe?“ Ihre Augen funkeln keck, als sie diese Frage stellt. Die Antwort kommt für Madina nicht schnell genug. „Suppe?“ wiederholt sie klar und hat dabei längst den Teller in der rechten Hand. Mit der anderen hantiert sie rasch noch an der Dunstabzugshaube über dem großen Gastroherd. Auf der Nebenplatte brodelt es im Topf, die Küche füllt sich mit hungrigen Bewohnern, angelockt vom verführerischen Essensduft, der sich durch das Haus zieht.

Noch vor eineinhalb Jahren hätte sich Madina nicht sagen lassen, dass sie eines Tages in einer kleinen Marktgemeinde mitten in Oberösterreich leben würde. Leben und Suppe kochen. Denn Kochen war so gar nicht ihre Leidenschaft. Lieber steckte sie ihre Nase in Bücher, als in fremde Kochtöpfe. Heute ist alles anders. Eine weiße, moderne Küchenmaschine steht auf dem kleinen Beistelltisch vor dem Fenster. Ein Geschenk ihrer neuen Freundin Anke. Zu Madinas dreißigstem Geburtstag. Inklusive Rühraufsätzen und Fleischwolf. Wenn Madina davon erzählt, dann tut sie das wieder mit diesem kecken Funkeln in den Augen. „Kuchen backen“ deutet sie mit dem Kopf auf die Maschine und stellt rasch einem ihrer Mitbewohner einen Teller Reis mit Huhn vor seinen knurrenden Magen. „Guten Appetit“.

3.000 Kilometer

Madina stammt aus Tschetschenien. In der Nacht, als sie in Wartberg mit ihren drei Kindern ankam, regnete es in Strömen. Madina, Chamsat, Ramina und Muchammad waren eine der letzten, die aus dem Bus stiegen. In Tschetschenien liebte die dreifache Mutter ihren Beruf als Russischlehrerin an einer Mittelschule. Ihr Mann, studierter Anwalt, war lange schon in Russland, wo er als Baumeister Arbeit gefunden hatte. Ein Jurist als Baumeister? Klingt komisch, ist es auch. Doch für Madina ist diese Situation „normal“. Kaum jemand hat in ihrem Heimatland in seinem erlernten Beruf gearbeitet. Gemacht wurde, was sich gerade anbot. Madina kichert leise, als sie davon erzählt. Die ungläubigen Gesichter ist sie längst gewohnt. Eine große, blonde Frau sieht bei der Küchentüre des einstigen Gasthauses herein und hat Bärlauch in der Hand. „Wie Knoblauch“ versucht sie Madina zu erklären. Doch Madina hat längst verstanden.

 

 

Bitte warten

Zwei unliebsame Wörter, die Madina ordentlich zusetzen. Denn auch Warten gehört nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Warten auf eine neue Beschäftigung. Die vielen Leute um sie herum lenken Madina ab. Durch ihre Kinder „ist Warten nicht so schlimm“. Und während ihr Jüngster, der zweieinhalbjährige Muchammad auf ihr herumturnt, erzählt sie über ihre Pläne. „Unterrichten“ sagt sie klipp und klar. Und auch Anke ist zuversichtlich, dass Madina in einem der umliegenden Gymnasien – in Schlierbach oder Kremsmünster – einmal Arbeit finden wird.

Ramina, die fast 7-jährige Tochter, drückt die Schulbank gemeinsam mit Ankes Sohn Lasse. Und die beiden haben auch schon gemeinsame Pläne für den Sommer. Dann geht es ab in den Swimmingpool bei Anke zu Hause. Die Einladung dafür ist schon längst ausgesprochen.

 

Auf Wiedersehen

„A dika yöila“ verabschiedet sich Madina an diesem frühen Nachmittag. „Auf Wiedersehen“. Ihr Sohn Chamsat ist gerade von der Schule zurück. Der Dunstabzug geht an, den Teller mit dampfender Suppe hält Madina schon in der Hand. „ja´a“. Essen. Das Warten hat zumindest für heute ein Ende.